Es ist Zeit, laut zu sein

Schreiben an Innenminister Nehammer (und etwas abgeändert an Außenminister Schallenberg), 29. September
Anfrage eines aufgebrachten Bürgers an den Innenminister!
Ich bin sprachlos über den Inhalt des Berichts im heutigen Mittagsjournal (und anderer Medien) und erwarte, dass Sie, Herr Innenminister eine „Sofort“-Sprache gegenüber der österreichischen Bevölkerung finden, dieses Übel aufzuklären. Sofort waren die Kameras dabei, als Sie Mitte September höchstpersönlich einen Hilfstransport nach Athen brachten. Wo sind Ihre „Sofort“-Aktionen jetzt? Was verstehen Sie unter „sofort“ in Zusammenhang von Soforthilfe? Da frage ich noch gar nicht, was die türkisen Regierungsmitglieder – und damit auch Sie – unter „Hilfe“ verstehen, wenn sie kategorisch eine Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Lager Moria in Österreich ablehnen.
Die Meldung im Mittagsjournal:
Österreichische Hilfslieferung noch nicht auf Lesbos
Zwar hat Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) vor knapp zwei Wochen die Hilfslieferungen für Geflüchtete aus dem abgebrannten Camp Moria auf Lesbos persönlich in die griechische Hauptstadt Athen begleitet. Auf der Insel sind die 55 Tonnen Hilfsgüter, darunter 400 Familienzelte, aber noch nicht angekommen, berichtete das Ö1-Mittagsjournal heute. Das Rote Kreuz kritisierte indes die prekären Zustände in dem neu aufgebauten Lager auf der Ägäis-Insel.
Als eines der ersten Länder sagte Österreich nach dem verheerenden Brand in Moria, durch den rund 13.000 Menschen temporär obdachlos wurden, Hilfe zu. Die österreichischen Güter seien ebenso wie Hilfslieferungen anderer Staaten bis dato eingelagert, berichtete die österreichische Botschafterin in Athen, Hermine Poppeller, gegenüber Ö1.
Ernst Gansinger, fassungslos über diese Politik!

Mein Facebook-Eintrag vom 22. September 2020
Ich kann nicht mehr schweigen, die Not der Menschen auf der Flucht berührt mich. Dringend braucht es eine Politik, die empathisch wahrnimmt und reagiert auf die Tragödien, in die Krieg und Terror, Katastrophen und weltweit versagte Solidarität Menschen treiben. Ich verstehe schon, dass wir nicht aller armen Welt zuwinken können: komm! Aber jenen muss Europa (und damit auch Österreich) die Hand reichen, die unter miserablen Bedingungen auf der Flucht feststecken oder in großer Gefahr sind, noch dazu, wenn sie krank oder Kinder oder sonst hilfsbedürftig sind. So denke ich aus meinem Verständnis von „christlich“ oder „christlich-sozial“. Das ist agieren als Feuerwehr, aber nicht vorgehen gegen die Brandstifter sowie helfen vor Ort. Das wäre natürlich überdringlich notwendig! Man hört das Bekenntnis zu dieser Überdringlichkeit auch immer wieder aus dem Mund verantwortlicher Politiker. Aber seit Jahrzehnten sind dies kaum mehr als Wortspenden, nie folgen ernsthafte Konsequenzen. Dass es das bessere Konzept ist, vor Ort zu helfen, wird kaum jemand bestreiten. Aber dieses Konzept schafft die Pflicht, auch Feuerwehr zu sein, nicht ab. Wir (Österreich, Europa, die reichen Länder) müssen ohne lange und Tod bringende Diskussionen denen helfen, die auf der Flucht sind. Zum Helfen vor Ort hat Österreich schon unendlich viel Zeit verschwendet. Allein zum Thema Anteil der Gelder für die Entwicklungszusammenarbeit am BIP ist seit Jahrzehnten Österreich schändlich viel schuldig geblieben.
Zum Christlichen (ich bin ja bekennender Christ und bekennendes Mitglied der katholischen Kirche): Ich kann nicht glaubwürdig Weihnachten, Ostern und Pfingsten feiern und mich vom Weg Jesu berühren lassen, ohne diese Rührung auf meine Beziehung zu den Mitmenschen heute zu übertragen: Viele von ihnen finden wie die hl. Familie keine Herberge, viele sind wie Josef, Maria und Jesus auf der Flucht, sind wie sie gezwungen, in fremdes Land zu gehen, um zu überleben. Viele von ihnen werden verfolgt und wie Jesus am Ölberg unbarmherzig allein gelassen. Viele von ihnen sorgen für ein Sprachengewirr, aber die Sprache der Versöhnung und Liebe verstehen sie, wie einst die vielen Menschen anderer Sprache, die zu Pfingsten die Apostel gehört und verstanden haben. Das alles loben Christen ganz selbstverständlich, denken aber nicht daran, dass das für heute auch Konsequenzen hätte! Ich bin insgesamt also auch enttäuscht von der Laschheit vieler KirchgeherInnen und Christen.

Mein Facebook-Eintrag vom 11. September 2020
„Auch Gleichgültigkeit ist eine Aggressionsform“, sagt Eugen Drewermann im Gespräch mit Jörg Dieter Kogel, das im Herder-Buch „Gestalten des Bösen“ in schriftlicher Form zugängig gemacht worden ist. Es ist 2018 erschienen. In dem Buch geht es um den „Teufel – ein theologisches Relikt“, das insgesamt empfehlenswert ist. Ich greife daraus eine – nicht so sehr theologische, denn humanitäre – Passage auf und lege sie allen als Denkanstoß ans Herz, die meinen in der Asylfrage, insbesondere nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria, hart sein zu müssen. – Drewermann führt, unmittelbar bevor er den Satz sagt „Auch Gleichgültigkeit ist eine Aggressionsform“, zum Thema ‚Umgang mit Flüchtlingen‘ (fernhalten von Europa) aus: „Wir sind gerade dabei, mit Diktaturen zu verhandeln, dass am besten doch die Leute bleiben, wo sie sind; auf gar keinen Fall dürfen sie ‚Schleusern‘ in die Hände fallen; Schleuser sind Verbrecher. Aber was sind dann wir, wenn wir Flüchtlinge zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken lassen?“
Noch einmal das Eingangszitat von Drewermann: „Auch Gleichgültigkeit ist eine Aggressionsform!“
Drewermann (wieder aus „Gestalten des Bösen“). Und denken wir bei Drewermanns Mahnung an die Haltung der Europäer, besonders auch des österreichischen türkisen Regierungsteams, in Bezug auf Asylsuchende, aktuell die Flüchtlige in Moria:
„Das Brutale, alltäglich Böse liegt darin, dass wir mit Menschen umgehen wie mit Zahlenspielen, wie mit Nummern, nicht wie mit Menschen, wie mit Rechenoperationen, nicht wie mit Schicksalen. …“

Mein Facebook-Eintrag vom 10. September 2020
image

Mein Facebook-Eintrag vom 9. September 2020
Skandal, was türkis sagt und was es verweigert: Aufnahme in Österreich von Geflüchteten, die in Moria unter schlimmsten Umständen leben. Aber noch schlimmer, wie der Innenminister das argumentiert: er will keine gewaltbereiten Flüchtlinge nach Österreich lassen. – Als ob dort viele Asylsuchende gewaltbereit wären. – Es ist höchste Zeit, dass die Menschen die christlich ticken, endlich den Türkisen zu verstehen geben: euer Zynismus reicht uns, von uns bekommt ihr keine Stimme mehr!

Mein Facebook-Eintrag vom 24. August 2018
Ich schreibe ganz selten auf Facebook. Doch nun muss ich mich zu Wort melden: ich bin zutiefst erschüttert und schäme mich für die Aussagen und die Politik unserer politischen Verantwortlichen, mit denen sie gegen Hilfe für Flüchtlinge mobil machen. Keine Schiffe in EU-Ländern anlegen lassen zu wollen, ist der Gipfel dieser zutiefst unchristlichen und unmenschlichen Politik. Ich rufe alle, die sich als Humanisten oder/und Christen empfinden, auf, gegen diesen Wahnsinn auf die Barrikaden zu steigen. Meine Stimme werden diese angeblich christlichen Politiker/innen sicher nicht (mehr) bekommen, solange sie nicht zurückkehren zu einer christlichen Politik!!! Haben wir denn eine andere Möglichkeit, gegen diesen Wahnsinn aufzustehen, als von unserer Weigerung zu erzählen, Euch, ihr Politiker/innen der Kälte gegen Menschen, zu wählen? Und eine Ergänzung vom 25. August 2018 Mich treibt die Frage um, was dagegen zu tun ist. – Parteien können da zu wenig ausrichten, fürchte ich. Ich versuche seit einigen Jahren, in verschiedenen Stammtischen die Stimme zu erheben. Jede/r von uns müsste an den vielen kleinen Orten, den Mut zur Gegenrede aufbringen. Das Tragische ist, viele ticken, wie es die Politik umsetzt. Ob’s die Kirche sein kann, ohne nicht-kirchlich Engagierte und ob der Stimmung im Land Entsetzte draußen zu lassen? Zumindest wünsche ich mir eine viel lautere Kirche. Nicht nur oben müsste sie laut sein, nicht nur der Kardinal und der Caritas-Präsident, nicht nur die Bischöfe und die anderen diözesanen Verantwortlichen müssten endlich dauerschreien. Jeden Pfarrgemeinderat, jede Gottesdienstgemeinde müsste es umtreiben und unruhig sein lassen, jede Bibelrunde, jeden Gebetskreis. Wenn der Gottesdienst mit dem Schuldbekenntnis beginnt, müssten wir immer wieder ein Schuldbekenntnis gegenüber den Menschen, die Hilfe suchen, sprechen. Wenn wir im Kyrie das Erbarmen erbitten, müssten wir bekennen, dass wir eine erbärmliche Gleichgültigkeit zulassen. Wenn wir Fürbitten formulieren, müssten wir nicht Gott meinen, er soll bitte was richten, sondern uns in die Pflicht nehmen